Boom bei Charterraten in der Containerfahrt

Boom bei Charterraten in der ContainerfahrtDie Pandemiemaßnahmen haben zu einem Zerschuss der Lieferkettenmatrix geführt, zu enormen lokalen Engpässen und aktuell hat eine unglaubliche Aufholjagt begonnen, bei der wir Charterraten von vor der Lehmann-Pleite wieder erreichen – Tendenz steigend. Sieht man sich die Indizes New Contex oder den HARPEX an, gibt die Momentaufnahme das Bild eines fulminanten Booms wieder. Sieht man sich den Frühindikator an, den Baltic Dry Index(BDI), dann sieht es auch hier nicht anders aus. Rohstoffe für Grundmaterialien sind derzeit in großem Umfang in Umlauf. Zudem sind die Ölpreise noch immer weit unter vorpandemischem Niveau.

Dazu kommt, dass viele Regierungen der Welt riesige Stimuli in Größenordnungen von Billionen USD in die Realwirtschaften pumpen, um ihre Betriebe und Selbständigen zu retten. Der IWF spricht von 22 Billionen, die wohl bis 2025 in die Wirtschaft, hauptsächlich in Form von Anleihekäufen investiert werden, um Banken, Firmen und ganze Länder zu stützen.

Die Gründe, die zur aktuellen Rallye geführt haben sind vielseitig.

Handelsrouten wurden in der Vergangenheit über viele Jahrzehnte hin etabliert, justiert und immer wieder erweitert, bis man eine höchst ausgefeilte effiziente Liefermatrix erhielt. Ein Kunstwerk bzw. eigener Organismus, in dem Just-in-Time-Management und Vermeidung von Lagerung an Land und Leercontainern eine große Rolle spielte. Diese Lieferketten-Matrizen sind nun in regionalen und abwechselnden pandemischen Lockdowns und Produktions-Shutdowns insbesondere während der ersten Welle der Pandemie sehr stark torpediert worden. Ganze Ernten und Produktionen/Regionen fielen aus, Routen wurden geändert, Planungssicherheit zerstört. Plötzlich fehlten Kühlcontainer in Südamerika. Weil Ernten ad-hoc doch wieder aufgenommen wurden und Kühlcontainer plötzlich fehlten, verdarben über 14.000 Tonnen Kirschen in Chile, während an der US-Westküste die Häfen an Leercontainern erstickten, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Viel zu große Schiffe müssen in kleinere Häfen ausweichen, um nun größere Häfen zu entlasten, und dennoch entsteht vielerorts ein Stau, selbst Ankerplätze sind in manchen Häfen nicht verfügbar, um in Warteposition zu gehen. Bis eine neue Matrix und gute Taktung wieder eingephast ist, in der man auch wieder von Effizienz (Energy Efficiency) sprechen kann, wird es noch viele Monate dauern, sofern keine weiteren großen Produktionsausfälle ganze Regionen betreffen. Bis dahin werden wohl auch noch viele Leercontainer umverteilt werden müssen. Wartende Schiffe und Schiffe, die nur Leercontainerfahrten machen sind tonnagetechnisch wie vom Markt genommen, da temporär ja weder verfügbar noch beschäftigt.

Ein weiterer sehr gewichtiger Grund ist, dass die Dienstleistungssektoren der Unterhaltungs-, Gastronomie-, sowie Tourismusbranche fast weltweit komplett heruntergefahren wurden. Gelder, die für diese Dienstleistungssektoren ausgegeben wurden, werden nun verstärkt für Konsumgüter ausgegeben. Online-Shopping betreiben nun weltweit wesentlich mehr Menschen als zuvor, die Vorzüge haben sich weitgehend rumgesprochen. “Frust-Shopping” fand offensichtlich auch statt in den Isolationen. Da weltweit davon auszugehen ist, dass zumindest lokale kleinere Geschäfte verschwinden werden, könnte der Trend noch Jahre anhalten. Insbesondere im Online-Handel werden eher Waren aus Fernost angeboten, als aus heimischer Produktion.

Schiffsverschrottungen, Abgasanlagensystem-Installationen, Ballastwasser-Treatment-Installationen und andere Faktoren, warum Schiffe und Tonnage weniger verfügbar sind, spielen ebenfalls eine Rolle.

Ausblick

Mittelfristig werden die aktuellen Effekte sicherlich ein paar Jahre anhalten, solange Regierungen Lockdowns und Abriegelungen als primäres Mittel der Pandemiebekämpfung einsetzen. Der Trend würde in dem Fall fortgesetzt oder gar verstärkt.

Langfristig würden bei gleichbleibenden Pandemiemaßnahmen aber immer mehr Gesellschaftsschichten und Regionen der Welt verarmen und ganze Absatzmärke große Schwächen zeigen. Durch die bereits heute eintretenden Verknappungen (eben auch durch diese Lieferengpässe) und Maßnahmen von Notenbanken könnte allerdings auch eine starke Inflation entstehen und noch mehr Menschen würden nicht mehr an den Absatzmärkten partizipieren. Auch wenn weltweit die Restriktionen wieder fallen würden, wären diese Effekte wohl noch lange zu spüren. Viele verschuldete Länder würden zudem Steuern erhöhen und Investitionen senken müssen.

Ein langfristiger Ausblick ist also derzeit so unmöglich, wie wohl nie zuvor. Völlig neue monetäre Stabilitätsmechanismen könnten eine lang anhaltende Abwärtsspirale vielleicht verhindern.

Dennoch: Reeder, die zum jetzigen Zeitpunkt freiwerdende Schiffe haben, könnten nun einträgliche Charter-Partys zeichnen, wie in den Goldenen Jahren.

Und das sind erstmal gute Nachrichten!