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Viele Traditionssegler ab 2018 vor dem Aus


(@abc-haus)
Beigetreten: Vor 4 Jahren
Beiträge: 1
Themenstarter  

Moin,

sicherlich ein zwiespältiges Thema. Aber warum greift hier nicht eine Art besserer Denkmalschutz für Traditionsschiffe?

https://www.shz.de/regionales/schleswig-holstein/alexander-dobrindt-umgeht-treffen-mit-traditionsschiffern-id16899306.html

 


Zitat
(@bythewind)
Moderator
Beigetreten: Vor 17 Jahren
Beiträge: 534
 

Ein schwieriges Thema, mit dem ich mich auch schon lange befasse. Hatte vor 10 Jahren meine Diplomarbeit zum Thema Traditionsschiffe geschieben. Denkmalpflege ist eine Seite, die Sicherheit der Beteiligten (Mitsegler, Crew, andere Verkehrsteilnehmer, Umwelt) ist eine andere. Hier gilt es einen geeigneten Kompromiss zu finden. Leider sind die vom Verkehrsministerium vorgesehenen Massnahmen zu einem großen Teil nicht tauglich, wirkliche Verbesserungen zu bewirken. Andererseits sehen aber viele Tradischiffer ihr Schiff und die ganze Szene sehr durch die rosarote Brille. Ich bin häufig auf Tradischiffen unterwegs und kenne dort viele sehr kompetente Stammcrewmitglieder, die ehrenamtlich viel leisten und eventuell auf Grund von für ihr Schiff vollkommen überzogenen Anforderungen demnächst nicht mehr ihrem Hobby nachgehen können. Es gibt aber auch 80jährige Steuermänner, die mit zentimeterdicken Glasbausteinen vor den Augen am Ruder stehen und mit einem ganzen Medikamentenkoffer anreisen, weil sie bereits zwei Herzinfarkte, Gicht und grünen Star haben. Ob allerdings die Pflicht zur vollen Seediensttauglichkeit für alle Stammcrewmitglieder da die richtige Maßnahme ist, wage ich zu bezweifeln. Die würde nicht nur dem multi-morbiden Oppa von der Brücke entfernen, sondern auch den auch etwas übergewichtigen Schiffskoch, der auf der Tagesfahrt die Erbsensuppe für die Mitsegler zubereitet.


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(@andrej)
Admin
Beigetreten: Vor 17 Jahren
Beiträge: 1238
 

Moin Bärbel,
es ist ja alles nur eine Frage der Verantwortung, also wer diese übernimmt bzw. die "Pappnase" auf hat. Eine kleine Schiffsbesetzungsverordnung light für Tradischiffe wäre sicher gut. Z.B. Skipper mit einem Befähigungsnachweis und eine Deckshand, beide mit einer "Seediensttauglichkeit light" - zumindest insoweit, dass man auch sicherstellen kann, dass die, die die Pappnase aufhaben, auch nicht ganz loco sind, Rot und Grün unterscheiden können.
Naja. Viele Wenn und Abers.
Finde es aber schade, dass ein CSU-ler wie Dobrindt hier die Traditionsschiffer ganz offensichtlich nicht mit aufgenommen hatte in seinem "Ausschuss"/"Gremium".

LG 🙂


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(@bythewind)
Moderator
Beigetreten: Vor 17 Jahren
Beiträge: 534
 

Hallo Andrej,

der Traditionsschifferschein (SHS mit Zusatzbefähigung) ist für die Traditionsschiffe (alle unter 500 BRZ) vollkommen ausreichend. Im Gegenteil - jemand, der eine Ausbildung gem. STCW durchlaufen hat, aber keine vorherige Erfahrung auf Großseglern hat, stellt ein Problem dar, weil er die Möglichkeiten des Schiffes über- und die Gefahren unterschätzt. Solche Leute trifft man z.B. auf der Alexander von Humboldt II, die gem. Besetzungszeugnis Kapitän und Chiefmate mit STCW-Papieren fahren muss. Da werden manchmal Leute schanghait, die noch nie im Leben auf einem Großsegler waren, aber nun auf einmal das Schiff als Kapt führen sollen. Ein regelmäßige gesundheitliche Überprüfung für die Nautiker halte auch ich für richtig und wichtig. Da aber Traditionsschiffe vom Prinzip her Sportboote sind, sollte hierbei eher eine Untersuchung in dem Rahmen, wie sie zum Erwerb des Sportbootscheines notwendig ist, gemacht werden.


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(@streetworker)
Moderator
Beigetreten: Vor 16 Jahren
Beiträge: 1831
 

Da muss ich nun doch mal meine Senf dazu geben, auch wenn ich die letzten Worte rechts auf jeder Zeile nur erahnen kann, die sind bei mir leider nicht lesbar.

So ganz grob gesagt, hat die deutsche Traditionsschifffahrt "3 Feinde" (bitte nicht so ganz wörtlich nehmen). Das Finanzamt, die Berufsgenossenschaft und jene, die glauben Traditionsschiffe seien Konkurrenz. Dazu kommt, dass sie keine ausreichende Lobby hat. Da, wo eine solche Vorhanden ist, gehen Wege ja auch mal in die andere Richtung (also jene, mit weniger Sicherheit).

So wurde vor ein paar Jahren der Führerscheinzwang beim Sportbootführerscheine (Binnen, See) von 5 auf 15 PS aufgebohrt und dieses Jahr beim SBF-Binnen (jetzt SBF mit dem Gültigkeitsbereich Binnenschifffahrtsstrassen) die max. zulässige Länge auf unter 20m (vorher 15m) raufgesetzt. Jeder der weiß wie Binnenprüfungen ablaufen.............

Unförmige Hausboote darf man ohne Vorkenntnisse mit einem (Charterschein), also so nen Schnellkurs der mehr ne Einweisung ist und auch nur für den jeweiligen Urlaub gilt, fahren. Politisch so gewollt um eine ganz bestimmten Wirtschaftszweig zu fördern.

Warum schauen wir nicht zu unseren Nachbarn in NL. Wirtschaftszweig Braune Flotte. Das sind zwar nicht alles "Dampfer" die unter den Begriff "Traditionsschiff mit musealen Charakter" fallen - aber auf z.B. Ameland zwischen zig-Plattboden im Päckchen zu liegen hat schon was.

Die wirklich "fahrenden Museumsschiffe" könnte dann auch mit klaren umrissenen Auflagen zum historischen Zustand und sehr vereinfachten Bestimmungen zur Schiffsbesetzung unterwegs sein, solange sie steuerlich der GemeinnützigkeitsVO (oder wie dat Ding sich nennt) unterliegen. Ihre Zahl würde etwas schrumpfen weil die "Grauzonenschiffe" verschwinden würden.

Sonst..... den Tradiotionsschifferschein halte auch ich für ausreichend. Genügend theoretischer Hintergrund und im Detail nachgewiesene praktische Erfahrung. Auch eine regelmäßige gesundheitliche Überprüfung (jene, wie zum Erwerb des SBF) halte ich ebenso, wie alle 2 Jahre Nachweis über 1. Hilfe für sinnvoll. Auch der Umgang mit Feuerlöscher und Brandschutzdecke sollte geübt sein, das muss kein Schein nach STCW sein - bei einem der Vereine in denen ich bin konnten wir dazu die freiwillige Feuerwehr gewinnen. Dummy zum abfackeln, Decke, Wasser, Pulver, CO2 - alles da, selbst das Thema Brandkathalysator wurde ausführlich behandelt.

Der AnfangsBeitrag bezog sich auf einen Artikel im Frühjahr dieses Jahres. Da hat sich zwischenzeitlich was getan. Bei folgendem Link runterscrollen - sind 3 Infos:

http://www.gshw.de

 

bis denne - Gruß, Rainer

 


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(@andrej)
Admin
Beigetreten: Vor 17 Jahren
Beiträge: 1238
 

Moin Bärbel, Hi Rainer,

gibt was Neues zu dem Thema:

20 Millionen Euro gibt der Bund in den kommenden fünf Jahren für den Erhalt von Traditionsschiffen. Von der Förderung sollen die Eigner die Schiffe nach den neuen Sicherheitsbestimmungen umrüsten können. Die entsprechende Verordnung hat der geschäftsführende Bundesverkehrsminister...

https://www.ndr.de/nachrichten/20-Millionen-Foerderung-fuer-Traditionsschiffer,traditionsschiffe232.html

 


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(@bythewind)
Moderator
Beigetreten: Vor 17 Jahren
Beiträge: 534
 

Hallo Andrej,

die neue Richtlinie wurde nun also kurz vor der Regierungsbildung noch durchboxt (ein Narr, wer was arges dabei denkt...) und zeugt in weiten Teilen von großer Sachunkenntnis der Unterzeichner. Freuen können sich nur die Betreiber von Sicherheits- und Medizinischen Lehrgängen, denen nun angesichts schwindender deutscher Seeleute mit den betroffenen ca. 5000 Tradi-Aktiven neue Kundschaft zugeführt wird. Wie allerdings die Tradi-Leute den Advanced Firefighting und den Rettungsbootsmannschein machen sollen, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Offentsichtlich hat das Ministerium dabei übersehen, dass man vor Besuch dieser Lehrgänge 6 Monate Fahrtzeit auf Kauffahrteischiffen erwerben muss. Wie soll das bitte ein 55jähriger kaufmännischer Angestellter, der in seinen 30 Tagen Jahresurlaub ca. 2-3 Wochen per annum ehrenamtlich auf dem Tradisegler seines Herzens den Leichtmatrosen gibt, schaffen, 6 Monate auf einem Frachter zu arbeiten, um so einen Lehrgang zu machen, damit er sein Hobby weitermachen darf. Da helfen keine 20 Mio Fördermittel. Die Lehrgangsgebühren kann er sich wahrscheinlich leisten. Aber welcher Arbeitgeber wird ihn wohl dafür freistellen und wovon soll seine Familie in der Zeit leben, die Rente weiter eingezahlt werden, die Miete bezahlt werden. Und selbst wenn das alles geklärt wäre - welche Reederei würde ihn denn als Praktikanten (denn als was anderes ist er ja an Bord so ohne weiteres nicht einsetzbar) mitnehmen? Schliesslich ist es für junge und wirklich in einer Ausbildung in der Berufsseefahrt interessierte Menschen schon nahezu unmöglich, einen Praktikumsplatz zu finden. Dann stellt sich mir die Frage, welchen Nutzen sollen die Tradi-Crews denn bitte aus diesen Lehrgängen ziehen. Gerade im Advanced Firefighting und im Rettungsbootsmann wird nahezu ausschliesslich Ausrüstung abgehandelt, die auf KEINEM der existierenden Tradischiffe vorhanden ist und je sein wird. Wer mag, kann ja mal ein wenig photoshoppen: Massenevakuierungssysteme (für den 20m langen Haikutter mit 40 cm Freibord), Hi-Fog-Anlagen (für 2 m² große Maschinenräume), Freifallboote (für den traditionellen Rahsegler, der dann dafür die beiden hinteren Masten entfernen muss, damit der Davit Platz hat)... WAS wir wirklich gebraucht hätten, wären auf die Bedürfnisse der Schiffe ausgerichtete Kurse mit abgespecktem Inhalt bzgl soclher Ausrüstung und dafür mit Vorschlägen, wie man mit der an Bord vorhandenen Ausrüstung vernünftig umgeht. Einige Schiffe führen seit Jahren solche Kurse in Zusammenarbeit mit der Seemannsschule Priwall, DGzRS, Marine u.a. durch. DIESE Kurse gehören zertifiziert und als Ausbildungsstandard für die Tradischiffahrt eingeführt - aber nicht STCW!


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(@andrej)
Admin
Beigetreten: Vor 17 Jahren
Beiträge: 1238
 

Hallo Bärbel,

so scheint das zu sein, wenn CSU-Bundesminister agieren - fernab jeder Praxis, Gesetze wohl am Stammtisch ausgekartelt. Danke jedenfalls für deine Ausführung, denn so klar waren mir diese "Unmöglichkeiten" in Bezug auf Tradi-Schiffe nicht. Wirklich grotesk. Mit Mindeststandards hat das nichts mehr zu tun, sondern einfach nur mit fachlicher Unkenntnis in Sachen Seefahrt insgesamt.

LG


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(@streetworker)
Moderator
Beigetreten: Vor 16 Jahren
Beiträge: 1831
 

Hoi - nun ja trifft Euch (also die Seeleute) ja selbst  - die Unkenntnis..... wie war das noch Landgang ohne deutsches Seefahrtsbuch?

bis denne, Rainer


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