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MLC - was hat's euch gebracht?


(@bythewind)
Moderator
Beigetreten: Vor 17 Jahren
Beiträge: 537
Themenstarter  

Seit 1.8.13 ist die MLC in Kraft getreten. Was waren eure Erfahrungen bisher. Wie sind die Audits gelaufen? Wer hat schon eine Kontrolle gehabt und worauf achten sie dann besonders? Was ist jetzt bei euch anders?

Bei uns war der Audit wohl ziemlich easy. Er wurde kurz vor meinem Einstieg durchgeführt und ich durfte mich dann vor allem mit dem zusätzlichen Papierkrieg (etwa 2 Std / Woche) auseinandersetzen. Da die Antigua-Flagge das MLC bereits 1 Jahr vorher schon in ihr Flaggenrecht übernommen hatte, wurde bei uns an Bord das meiste sowieso schon entsprechend durchgeführt, nur mussten wir's vorher nicht so akribisch dokumentieren... Die Sache mit den Rest-Hours ist auf einem 2-Wachen-Schiff eh immer ein Tanz auf Messers Schneide und das wurde durch das MLC nixht unbedingt besser. Galleytechnisch hat der Koch jetzt einen Putzplan, wo er alles abhaken muss aber ich persönlich verlasse mich dann doch eher auf Sichtkontrollen bzgl. der Sauberkeit. Safetychecks gab's auch vorher schon in ausreichendem Maße gem. ISM. Wozu dann dasselbe noch mal gem. MLC??? Also ein weiterer Zettel zum Abhaken und Abheften...

Was hat's also gebracht? Nichts ausser Mehrarbeit für Kapitän und Chiefmate.

B.


Zitat
(@keine Angabe)
Beigetreten: Vor 12 Jahren
Beiträge: 106
 

Also das verrücktestes ist ja der "Putzzettel" für die Kammern! Den braucht keiner und wie Scheisse sieht es denn aus vor jeder Kammer so nen Wisch hängen zu haben! Ganz ehrlich die spinnen!
Und alle sollen weniger arbeiten, kann mir dann mal jemand die Gleichung erklären:
Weniger Arbeiten+ gleiche Anzahl an Seeleuten = Schiff soll seinen "Standard" halten
Das kann nicht gutgehen und die Reeder werden nen Teufel tun mehr Personal an Bord zu schicken! Die Folge, der Instandhaltungsgrad etc. wird weiter sinken... bis es irgendwann rummst und gar nix mehr geht! Es geht und kann irgendwann einfach nicht mehr gehen mit 5 Mann die ganze Maschine zu schmeißen und einen Haufen Papierkram "neben" her zu erledigen. Ich denk da nur an Risk Assessments, Cold, hot work permits etc.

Greetz

Havenwelt


AntwortZitat
(@keine-angabe-14)
Beigetreten: Vor 14 Jahren
Beiträge: 45
 

Moin Moin,

kleiner tipp, wenn ihr meint schon viel papierkram erledigen zu muessen, dann heuert NIE auf einem tanker an, da lernt man was wirklich papierkrieg bedeutet 😡
aber man gewoehnt sich an alles und ganz ehrlich, wenn formulare einmal eingefuehrt sind ist es doch tatsaechlich nur noch copy-paste. darueber rege ich mich nicht mehr auf ist genauso wie sich ueber das wetter aergern...
es ist alles wahnsinn, weil in unserer heutigen welt gute ausbildung durch papiere u checklisten ersetzt wurden, aber wir werden es nicht aendern
zu mlc: ein weiterer papiertiger, weil solange die safe manning certificates nicht nach oben veraendert werden wird sich an bord nichts aendern. man eiert sich halt nur noch mehr durch die ueberstundenregelung und hofft nicht ertappt zu werden. aber auch das scheint immer strenger gehandhabt zu werden, ein befreundeter kapitaen von mir, dt. flagge, wurde von der waschpo zu 2000 tacken verknackt wegen unterschreitung der restzeiten... reeder soll sich wohl auch auf 5mille oder so "beteiligt" haben.
mein letzter vetting inspector erklaerte mir, dass sie nach ueberschreitungen gucken, damit sie sehen, dass nicht gelogen wird. ausserdem hat man als schiffsfuehrung die pflicht den reeder zu informieren, wenn das fahrtgebiet zu viele arbeitsstunden fordert. man solle auf diese weise seinen hintern an die wand bekommen.. mhhh wir werden sehen..
putzplan: in galley, finde ich gut, mein 1.koch guckte mich ganz schockiert an, tat dann aber doch wie ihm gesagt... das beste bei uns: in jeder toilette haengt seit ueber 1jahr eine haende-wasch-anweisung. da kippte ich fast aus den latschen...
weiterhin viel spass beim listen ausfuellen u gute fahrt!
poobear


AntwortZitat
(@andrej)
Admin
Beigetreten: Vor 17 Jahren
Beiträge: 1240
 

Moin,

kleines "Review" wieder ein paar Jahre später:

Mein Eindruck ist, dass der Papierkram nur unwesentlich mehr geworden ist. Arbeits- und Ruhezeiten-Regelungen bestanden ja schon vorher, Health- and Hygiene-Reulations ebenfalls.

Grundsätzlich geändert hat sich meiner Meinung nach aber die Mentalität der Schiffsführungen, Reeder / Personäler, den Auditoren und PSC-Inspektoren, auch der Besatzungsmitglieder:

  • Ein "Kommunizieren am Kapitän vorbei" war früher teilweise ein fristloser Kündigungsgrund. Heute ist das On-Board Complaint Form ein mächtiges Instrument, womit Besatzungsmitgliedern eine üble Behandlung oder gravierende Misstände mitteilen können - und der Arbeitgeber MUSS reagieren, um nicht schlimmstenfalls PSC-Probleme zu bekommen. Das wissen inzwischen alle an Bord und so mancher Kapitän, der früher den "Capt. Blight Stil" fuhr nimmt sich heute etwas zurück.
  • Das Thema Recreation wird ernster genommen: Bestellungen, die nur dem "Spaß der Crew" entsprachen, werden heute als "Teambuilding-Maßnahme" oder "Erhöhung der Lebensqualität" gesehen und eher doch abgesegnet.
  • Um den Anforderungen verschärfter Inspektionen in Bezug auf Mindest-Ruhezeiten entgegen zu kommen wurden Arbeitszeiten entweder verkürzt, humaner geplant oder sogar wieder die Besatzungsstärken erhöht.
  • Insgesamt steht der Seemann etwas mehr im Vordergrund
  • Was noch lange nicht heißt, dass alles ok ist: Thema Landgang, Thema Urlaubsplanung, Thema Familienbesuch, Thema "Zuarbeiten von Land aus", ...

VG

 


AntwortZitat
(@tankerchief)
Beigetreten: Vor 4 Jahren
Beiträge: 2
 

Nicht zu vergessen sind die Änderungen im STCW, durch die jetzt ehemalige unlimitierte Sicherheitskurse jetzt regelmäßige Refresher benötigen. Finde ich gut. 


AntwortZitat
(@bythewind)
Moderator
Beigetreten: Vor 17 Jahren
Beiträge: 537
Themenstarter  

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass die MLC nur ein weiterer nerviger Papiertiger ist, der für uns deutsche Seeleute - insbesondere Kapitäne und Chiefmates - nur Mehrarbeit und weitere Zettel zum Abheften gebracht hat. Hatte gerade eine PSC und habe mir dabei mehrere MLC-Deficiencies eingefangen, die einfach nichts mehr mit Sicherheit und Seemannschaft zu tun hatten. Bsp.: Adresse des Arbeitgebers in den Arbeitsverträgen der Crew - es fehlte der Zusatz 'as MLC-holder'. Oder die geliebten Rest-Hours. Wenn man da was nicht eingehalten hatte, dann gibt es gleich drei Deficiencies - einmal nach STCW, einmal nach MLC und dann noch als ISM-Deficiencies, weil im SMS der Reederei nichts vorgesehen ist, wie man die Überschreitungen vermeiden will (wie denn auch: die Passage des Saimaa-Kanals dauert nun mal 10 Stunden - bei Eisgang noch mehr - und der Kapitän muss die gesamte Zeit auf der Brücke sein). Wenn man dann bedenkt, dass es ab 5 Deficiencies Sippenhaft und extended Inspections für die gesamte Reederei gibt, dann ist ein derart inflationärer Umgang damit schon echt ärgerlich. Und mal ehrlich, was kann ich als Kapitän dagegen machen, dass die Crewing-Agency in Taka-Tuka-Land irgendwelche Formfehler in ihren Arbeitsverträgen drin hat.

VG, Bärbel.


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