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Malta Flagge - Aktueller Stand? (Steuern)

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Daniel-Pete
(@keine-angabe-29)

Moin zusammen,

falls hier jemand unter Malta Flagge faehrt wuerde ich mich freuen falls derjenige vielleicht mal die aktuelle Situation schildern koennte.

Konkret sieht mein Vertrag so aus, dass ich nur auf See bezahlt werde - Rhytmus ist bei mir ca 3/3 Monate.

Es gibt anscheinend ein Doppelsteuerabkommen, vermutlich gelten da auch wieder die 183 (?) Tage?

Und vielleicht ganz allgemein, wie regelt ihr die "Urlaubszeit" ohne Einkommen? Speziell auch in Bezug auf Krankenkasse, Rente etc. Das Deutsche System scheint mir nicht darauf ausgelegt zu sein alle 3 Monate wieder arbeitslos zu werden.

MFG
Daniel-Pete

Zitat
Themenstarter Veröffentlicht : 24. Juli 2018 17:43
Fanato
(@fanato)

Moin Daniel-Pete,

es gibt ein Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) zwischen Deutschland und Malta. Solche internationalen Staatsverträge haben grundsätzlich Vorrang vor deutschem Recht.

Allerdings ist die Frage, ob so ein DBA für deinen Fall überhaupt anwendbar ist, wenn du gar keine Steuern an Malta zahlst, denn das DBA soll _Doppel_besteuerung vermeiden, sodass der Steuerpflichtige nur einmal Steuern an einen Staat zahlt und nicht doppelt an verschiedene Staaten. Wenn du aber nicht in Malta besteuert wirst, kannst du nicht doppelt besteuert werden, daher wäre das DBA nicht anwendbar.

Evtl. hast du Glück und im DBA steht z. B. dass Einkünfte aus nicht-selbstständiger Arbeit auf Seeschiffen und bezogen von dem (schiffsbetreibenden) "Unternehmen" _ausschließlich_ der Steuerhoheit von Malta unterliegt. Dann wäre das DBA auch ohne drohende Doppelbesteuerung anwendbar. Aber Vorsicht auch hier: Was ein schiffsbetreibendes Unternehmen ist, ist Auslegungssache. Ist das der Schiffsmanager, der Schiffseigentümer und/ODER die Crewing Agency?!

Und selbst wenn ein DBA Deutschland von der Besteuerung ausschließen sollte, wird wahrscheinlich die Rückfallklausel (treaty override) des § 50d Abs. 9 Satz 1 Nr. 2 EStG greifen, sodass Deutschland wiederum besteuern bedarf, wenn die Tatbestände des § 1 EStG (siehe unten) erfüllt sind. Die Rückfallklausel wird vom Bundesverfassungsgericht noch überprüft ( https://www.haufe.de/finance/finance-office-professional/tatbestands-und-verfassungsmaessigkeit-von-50d-abs9-satz1-nr2-estg-und-der-dazu-ergangenen-uebergangsvorschrift-in-52-abs59a-satz9-estg-treaty-override-rueckwirkungsverbot_idesk_PI11525_HI7404415.html), aber es ist davon auszugehen, dass die Rückfallklausel verfassungskonform ist.

Wo ist deine Crewing Agency? Auf Zypern? Evtl. müssen dort auch Steuergesetze / DBA berücksichtigt werden.

Sollte das DBA auf deinen Fall nicht anwendbar sein oder die Rückfallklausel greifen, wirst du nach deutschem Recht besteuert. Du bist u. a. nach § 1 EStG ( https://dejure.org/gesetze/EStG/1.html) steuerpflichtig, wenn du einen gewöhnlichen Aufenthalt (§ 9 AO, https://dejure.org/gesetze/AO/9.html) ODER einen Wohnsitz (§ 8 AO, https://dejure.org/gesetze/AO/8.html) in Deutschland hast. Sobald du eine Wohnung / ein Haus im Eigentum hast oder mietest, egal wie viele Tage im Jahr du darin gelebt hast (also nichts mit 183 Tagen), bist du in Deutschland steuerpflichtig.

Die 183 Tage beziehen sich auf den gewöhnlichen Aufenthalt, der dir aber nichts bringt, wenn du einen Wohnsitz in Deutschland hast.

Du siehst die Situation kann sehr komplex werden. Ich empfehle dir, dass du einen Brief per Einschreiben mit Rückschein an die Steuerbehörden in Deutschland, in Malta und im Land deiner Crewing Agency schreibst und sie um eine verbindliche Auskunft bittest, wie dein Steuerfall gehandhabt wird. Lege alle Fakten in dem Brief auf den Tisch: Wohnung/Haus, Gehalt, Arbeitsvertrag, Flagge, Crewing Agency mit Ort, Eigentümer des Schiffes mit Ort, Schiffsmanager mit Ort, etc. Solltest du eine Antwort bekommen, kannst du dich auf diese Antwort immer unter dem Hinweis der verbindlichen Auskunft (Vertrauensschutz, Rechtssicherheit) berufen.

Das Risiko etwaiger Steuernachzahlungen und die Sozialversicherungen (in Deutschland besteht Krankenversicherungspflicht für 365 Tage im Jahr) werden von der Reederei auf dich abgeladen. Die Crewing Agency wird dir nicht die Differenz zahlen, sollte später bei einer deutschen Steuerprüfung aus deinem zyprischen Nettolohn ein deutscher Bruttolohn werden. Oft versprechen die Crewing Agencies "bei uns brutto gleich netto" ohne dir eine Garantie dafür zu geben.

Ich kann dir nur empfehlen, die Seefahrt zu lassen und sich was an Land zu suchen. Du hast wahrscheinlich ein tolles Studium im Wirtschaftsingenieurwesen (Nautik) gemacht. Rechne dir mal dein Jahresbrutto aus. Und von dem Jahresbrutto musst du dich aus deutscher Perspektive wie ein Freelancer / Selbstständiger steuerlich, mit Krankenkasse, Rentenversicherung, etc. absichern. Da verdient ein Schifffahrtskaufmann ohne Studium mehr Jahresbrutto (plus Arbeitgeberbeiträge für die Sozialversicherungen) in Deutschland. An Bord wirst du mehr als 2100 Jahresarbeitsstunden haben. An Land hast du ca. 1800 Jahresarbeitsstunden.

Arbeitslos melden im Land"urlaub" bringt dir kurzfristig nichts. Du zahlst nicht in die Arbeitslosenversicherung ein, also kannst du kein ALG I bekommen. ALG II bekommst du erst, wenn du deine Ersparnisse zu einem gewissen Grad aufbrauchst und jede Form von Arbeit (z. B. DHL-Fahrer) im Landurlaub annimmst. Langfristig könnte dir die Arbeitslosenmeldung für die Anrechnung deiner Lebensarbeitszeit (wird wahrscheinlich nicht die Höhe der Rente beeinflussen. Du könntest aber sagen "nach 45 Jahren Arbeit inkl. Arbeitlosenzeit gehe ich in Rente" (wenn es solche Regelungen dann noch gibt)) etwas bringen.

 

Diese r Beitrag wurde geändert Vor 2 Jahren 4 mal von Fanato
AntwortZitat
Veröffentlicht : 28. Juli 2018 11:47
Daniel-Pete
(@keine-angabe-29)

Hallo,

ja die Agentur befindet sich auf Zypern. Ich werde mich mal ensprechend schlau machen und auch mit Kollegen beraten die genauso fahren.

Die ausfuehrliche Antwort war sehr hilfreich, vielen Dank dafuer!

MFG
daniel-pete

AntwortZitat
Themenstarter Veröffentlicht : 4. August 2018 19:19
Fanato
(@fanato)

Lies dir mal folgende Urteile durch. Aus denen kann man viel lernen, wie das Steuerrecht ist, wenn man sich ein bisschen einarbeitet und Verweise auf Paragraphen, DBA, etc. nachschlägt:

Bundesfinanzhof Beschl. v. 21.08.2015, Az.: I R 63/13: https://www.jurion.de/urteile/bfh/2015-08-21/i-r-63_13/

FG Baden-Württemberg, Urteil vom 22.07.2008, 4 K 1296/08: https://openjur.de/u/350516.html

AntwortZitat
Veröffentlicht : 7. August 2018 19:32
Freed gefällt das
Poobear
(@keine-angabe-14)

Hallo Daniel Pete,

alles steht und faellt mit dem registrierten Sitz Deines Arbeitgebers laut Heuervertrag.
In Bezug auf Malta gibt es gerade ein Verfahren, das soviel ich weiss beim Oberfinanzgericht liegt und es noch kein Urteil gesprochen wurde.

Ich wuerde niemals persoenlich wie oben vorgeschlagen Briefe mit Rueckantwort an Steuerbehoerden schreiben. Wuerde das als vorauseilenden Gehorsam bezeichnen.
Die Steuergesetzgebung ist dermassen komplex, da kann der gemeine Seemann gar keine Chance haben.
Erkundige Dich nach einem guten Steuerberater, der sich mit Seeleuten auskennt. Alles andere - dann man tau!

Gruss
Poobear

AntwortZitat
Veröffentlicht : 21. Oktober 2018 22:44
Walter1000
(@keine Angabe)

Moin,
ich will hier keine Werbung machen, aber https://www.stburbahns.de hat sich ausgibig mit dem Thema der Besteuerung von Seeleuten und Flugpersonal auseinandergesetzt und auch mehrere Veröffentlichungen zum Thema herausgegeben. Der oder wengstens seine Bücher, können bestimmt helfen.
Gruss

AntwortZitat
Veröffentlicht : 22. Oktober 2018 9:40
Fanato
(@fanato)
Veröffentlicht von: Poobear

 

Ich wuerde niemals persoenlich wie oben vorgeschlagen Briefe mit Rueckantwort an Steuerbehoerden schreiben. Wuerde das als vorauseilenden Gehorsam bezeichnen. [...]
Erkundige Dich nach einem guten Steuerberater, der sich mit Seeleuten auskennt. Alles andere - dann man tau!

Nicht Rückantwort, sondern Rückschein. Bei nacheilendem Gehorsam kann es passieren, dass du bis zu 5 oder 10 Jahren (je nach Fahrlässigkeit) Steuern nachzahlen musst.

Auch der Steuerberater kann sich irren oder Gesetze anders auslegen als die Steuerbehörden. Schließlich hat auch der Steuerberater / Rechtsanwalt sicherlich den Seemann aus dem Urteil (z. B. Bundesfinanzhof Beschl. v. 21.08.2015, Az.: I R 63/13: https://www.jurion.de/urteile/bfh/2015-08-21/i-r-63_13/) dazu geraten, das teure Verfahren bis zum Bundesfinanzhof anzustreben.

Diese r Beitrag wurde geändert Vor 2 Jahren 3 mal von Fanato
AntwortZitat
Veröffentlicht : 28. Oktober 2018 19:11
bythewind
(@bythewind)
Moderator

Hallo Daniel-Pete,

ich war mal ne Zeit lang auf der Sea Cloud. Das ist auch Malta-Flagge. Allerdings lief der Arbeitsvertrag über xyz-Crewing Liberia, wurde aber über eine englische Crewingagentur ähnlichen Namens abgeschlossen. Nach 3-jährigen Diskussionen mit dem Finanzamt erhielt ich folgende für mich anzuwendende Erklärung des Finanzamtes: Es bestehen Doppelbesteuerungsabkommen sowhl mit Malta, als auch mit Liberia, als auch mit England, nur leider sind sie im meinem Fall nicht anwendbar, weil die Flagge des Schiffes und die Nationalität des Arbeitsvertrages nicht übereinstimmen. In einem solchen Falle wäre ich als Deutsche nach deutschem Recht steuerpflichtig in Deutschland. Es sei denn, ich könne nachweisen, dass der wirtschaftliche Eigner des [ausgeflaggten] Schiffes seinen Sitz ausserhalb von Deutschland hat. Dies haben sie nachgeprüft und festgestellt, dass derselbe in Hamburg sitzt. Ich musste dann für 3 Jahre Steuern nachzahlen.

VG, Bärbel.

AntwortZitat
Veröffentlicht : 5. November 2018 11:48
Fanato
(@fanato)

Hallo Bärbel,

das ist sehr interessant, aber natürlich bedauerlich für dich. Hat das deutsche Finanzamt Rechtsgrundlagen (§§, Verordnungen, interne Verwaltungsvorschriften, Urteile, etc.) in dem Briefwechsel präzise benannt? Wenn ja, welche?

VG

AntwortZitat
Veröffentlicht : 30. Dezember 2018 13:54
Poobear
(@keine-angabe-14)
Veröffentlicht von: Fanato

Nicht Rückantwort, sondern Rückschein. Bei nacheilendem Gehorsam kann es passieren, dass du bis zu 5 oder 10 Jahren (je nach Fahrlässigkeit) Steuern nachzahlen musst.

Moin Fanato,

deshalb rechtzeitig seine Steuererklärungen machen (lassen) um so etwas zu vermeiden 🙂

Gruss

Probear

AntwortZitat
Veröffentlicht : 6. Januar 2019 22:04
Seite 1 / 2

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