Jahresrückblick 2020

Jahresrückblick 2020Kein Jahr in den letzten Jahrzehnten wird uns so in Erinnerung bleiben, wie 2020. Die Nachwirkungen und Effekte werden sicherlich auch 2050 noch spürbar sein durch die immense weltweite Verschuldung aufgrund der weltweiten Wirtschaftsstützen gegen Lockdowns und Shutdowns. Das auch nur grob zu umreißen fällt schwer. Wer hier „lediglich“ Coronatote sehen möchte, sollte daran denken, dass Ökonomien, die Armut erzeugen, die bekanntlich Krankheiten und eine verkürzte Lebenserwartung mit sich ziehen – und das sehr langfristig. Statistisch leben ärmere Gesellschaften ungesunder und kürzer.
Das Jahr war chaotisch und an Maximen in jeder Hinsicht nicht zu knapp. Hier im kleinen Rückblick nur ein paar sehr markante Entwicklungen in der Seefahrt, die zum Teil noch länger anhalten werden.

Weltweite Crew-Change-Krise

Noch nie gab es so viele Seeleute, die aufgrund der regional wechselnden Reisebeschränkugen unter teils extremer Armut gelitten haben, da viele von ihnen ohne Lohnfortzahlung viel zu viele Monate auf einen Schiffseinsatz warten mussten oder im Fall der Kreuzfahrtbranche sogar komplett ihre Existenz verloren haben. Dies betrifft ganze Reedereien, Einrichtungen und letztlich die Familien wohl hunderttausender Menschen. Auf der anderen Seite gab es noch nie so viele gestrandete Seeleute. Gestrandet auf einer Zwischenstation in irgendeinem Land abroad, in irgendwelchen Dauer-Quarantänen oder noch unmenschlicher und brisant: Viel zu viele Monate an Bord – ohnmächtig und ohne Chance auf Ablösung, oftmals verwehren Häfen den Seeleuten sogar den Zugang zu medizinischen Einrichtungen. Sicherlich gab es noch nie so viele Fälle von gesundheitlichen Problemen, Gewalt, Depressionen, Morden und Suiziden an Bord wie in diesem Jahr in dieser Branche. Die ILO, IMO, UN und Amnesty International schlagen seit langem Alarm, versuchen ihr Bestes. Dennoch gibt es kaum positive Entwicklungen mit überforderten Behörden. Mit neuen Lockdowns und Reisebeschränkungen scheint sich das Problem inzwischen wieder eher zu verschärfen. Politiker sind Getriebene und Beschränkungen geschehen ad-hoc, machen alles unplanbar. Allerdings gibt es inzwischen Schnelltests und eine Menge präventiver Maßnahmen, um die Gefahr, die vor Seeleuten ausgeht, quasi zu eliminieren. Mit Schiffen, deren Ladung oftmals mehrere Millarden USD Risikokapital (Medizin, Energie, Nahrung, Textilien, Technik bspw.) darstellt, zählt der Seemann definitiv zu den wichtigsten Schlüsselfiguren zur Aufrechterhaltung des Warenverkehrs, der nun mal bei über 90% aller Güter auf dem Seeweg stattfindet. Es ist eine Frage der Zeit, wann sich diese Krise in eine Sicherheitskrise für den weltweiten Warenverkehr verwandelt. Langfristig verliert die Seefahrtindustrie sehr viel durch Abwandern von Knowhow und Manpower in andere Branchen.

Entwicklung der Seefahrt

Inzwischen kann man fast schon sagen, dass durch die Auswirkungen der Lehmann-Krise und Containerschiffahrtskrise (2008 bis ca. 2014) mit der Erzeugung von Überkapazitäten in der Tonnage, viele Lieferengpässe abgefedert werden konnten. Regionale Lockdowns führten zum zeitweiligen Zerschuss der Lieferkettenmatrix, wobei dann z.B. viele Leercontainer und Kühlcontainer sich in riesigen Mengen irgendwo stapelten, während sie woanders dringend fehlten und zum Teil ganze Ernten schlicht abgeschrieben werden mussten (vergammelten) oder Produktionen gestoppt werden mussten, weil Teile fehlten. Zuletzt warteten im November in Los Angeles über 300.000 Leercontainer, die folglich in aller Welt fehlten. Das Erklärt eine relativ gute Auslastung der Containerschiffe. Aufräumen ist angesagt. Die Auswirkungen der Febraur- bis Mai- Lockdowns sind noch lange nicht zurück in geordneten Bahnen. Zusätzlich scheint das Konsumklima laut Drewry für Überseeware (Amazon bspw.) sehr gut gestiegen zu sein. Inzwischen weiß wohl jeder, wie man online einkauft und mehr Menschen haben nun Zeit dazu. Die mit Abstand größten Zuwächse mit sogar vielen fehlenden Containern verzeichnet China.
Beim weniger volatilen Markt der Bulker und Tanker findet eine Erholung statt. Auch hier eine Maxime bei den Rohöltankern: No nie gab es so günstig Rohöl und noch nie so wenig Storage-Kapazität. Im April fielen die Preise eines Barrels der Marke Brent sogar in den negativen Bereich, weil es nicht genug Speichermöglichkeiten mehr gab und Öl förmlich dringend „entsorgt“ werden musste. Denn Ölfelder/-bohrungen versiegen, wenn man das Fördern stoppt. Teilweise gingen Ölfirmen dazu über, Rohöl direkt zu verbrennen – ungefiltert und ungenutzt.
Zur Kreuzfahrtbranche und bei der Personenbeförderung last sich derzeit überhaupt keine Aussage mehr treffen. Es ist enorm traurig, wie desaströs hier Existenzen, Knowhow-Schätze, Kultur-, Veranstaltungs-, Gastro- und Hotelbetriebe hart betroffen sind. Auch die vom Tourismus lebenden Menschen in den Reisezielen haben derzeit 100% Umsatzeinbußen. Noch völlig seetaugliche Schmuckstücke der Seefahrtgeschichte werden derzeit verschrottet, weil nicht einmal deren Aufliegebetrieb ohne Einnahmen finanziell zu stemmen ist. Der Schaden für die Branche geht in die Dutzende Milliarden.

Ausblick

Ein langfristiger Ausblick ist derzeit vollkommen offen. Das wohl größte Experiment der Menschheit, das Herunterfahren ganzer Wirtschaften, kann völlig mannigfaltige gesundheitliche, soziale, politische, psychologische und ökonomische Folgen haben. Politische Versprechen von gestern sind heute ins Gegenteil gewandelt worden und zerstören jede Planungssicherheit. Meinungen, Erkenntnisse und Strategien zur Pandemie wenden sich regelmäßig um 180°. Dutzende Billionen USD, die weltweit als „Bazookas“ abgefeuert wurden, werden höchstwahrscheinlich in Form einer starken Inflation von den kommenden Generationen zu zahlen sein. Sehr wahrscheinlich wird die Schere der Ungleichheit wohl weiter auseinanderklaffen mit dieser Art der Kalten Enteignung/Teuerung. Das würde die Breite der Absatzmärkte dann wieder negativ betreffen in einigen Jahren/Jahrzehnten. Gewinner kann es langfristig also keine geben. Dies der Politik vorzuwerfen könnte man sowohl als pietätlos angesichts der vielen Coronatoten, als auch berechtigt gegenüber den Opfern der Gegenmaßnahmen bewerten. Ein komplexes Thema mit vielen Grautönen. Hoffentlich heißt es am Ende nicht „Operation gelungen – aber Patient tot.“

Das Positive zum Schluss

  • Zum 1.1.2020 ist durch neue Vorschriften in der MARPOL-Konvention ein international neuer Richtwert eingeführt worden. Es darf statt wie bisher üblich mit 3,5% Schwefelanteil nun nur noch mit 0,5% Schwefelanteil gefahren werden (SulphurCap 2020). Eine Ausnahme bilden Schiffe mit Abgasreinigungssystemen, sog. Scrubbern, die mit fein zerstäubtem Wassernebel nahezu alle Feststoffe im Abgas auswaschen. Aus dem Schornstein kommt nur noch Wasserdampf. Die lange befürchtete Knappheit und Verteuerung von schwefelarmem Schweröl (LSHFO) ist ausgeblieben, die Preise fielen sogar, wahrscheinlich auch „dank Corona“. Die Feldforschung und Pionierarbeit der Ingenieure an Bord mit Scrubbern ist größtenteils gut angelaufen. Fraglich allerdings, ob neben Singapur und China bspw. in Zukunft noch weitere Länder das Fahren von Scrubbern im sog. Open-Loop-Modus (Waschwasser direkt in die See geleitet) verbieten. Weiterhin fraglich, ob der Mehrverbrauch an Kilowattstunden für den Betrieb dieser gewaltigen Anlagen, sowie der Mehraufwand bei der Instandhaltung und dem Betrieb sich auch langfristig rechnen. Und wie sieht es mit der Umwelt aus? Zumindest in flachen oder begrenzten Gewässern ist es doch sehr fraglich, wie sehr diese Technik die Umwelt belastet und Gewässer übersäuert.
  • Noch besser dagegen hat sich die Implementierung der neuen Ballastwasser-Vorschriften in Sachen Umwelt durchgesetzt. Zum Schutz endemischer Arten und der Vielfalt bei Fauna und Flora im Seewasser sind erstmals nach und nach Ballast Water Treatment Systeme zum Einsatz gekommen. Ausgeklügelte Filteranlagen und UV-Licht-Reaktoren spalten die Aminosäuren der DNA-Doppelhelixen von lebenden Organismen auf _sprich_ töten sie, damit sie nicht in anderen Erdregionen, wo sie nicht endemisch sind, großen Schaden anrichten. Ein riesiges Problem, das seit Jahrhunderten durch die Seefahrt immer wieder ausgelöst wurde, könnte somit für immer Geschichte sein.

 

2020 war also eine Zäsur. 2021 und die folgenden Jahre werden Jahre der Bestandsaufnahme. Eine spannende Zeit, in der es mehr denn je auf Solidarität, Miteinander und gegen die Spaltung der Gesellschaft oder gar der Staatenbündnisse ankommt. Dann erwächst aus Zweckoptimismus vielleicht eine nachhaltige, soziale und endlich moderne Welt.

Auf ein Neues!