ECDIS – Wir rekapitulieren mal

Da die IMO schon frühzeitig den unbestreitbar hohen Nutzen von ECDIS erkannt hat, wurde bereits ab 1. Juli 2008 für Hochgeschwindigkeitsfahrzeuge ECDIS verpflichtend. Genau 10 Jahre später, am 1. Juli 2018 nun auch verpflichtend für alle anderen Schiffe für die SOLAS gilt – ohne Ausnahme. Viele Nautiker sammeln also gerade noch Erfahrungen mit ihren Systemen teils unterschiedlicher Hersteller. Über den Nutzen und die Gefahren ist man sich auf Brücke häufig uneins. Althergebrachte traditionelle Seekartennavigation vermissen viele. Eine kleine Rekapitulation: Was haben wir da eingetauscht?

Veränderungen erfordern Lernbereitschaft, können aber auch ein Gefühl der Unsicherheit hervorrufen. Für die meisten Nautiker ist der Griff zur Papierseekarte immer noch eher der Gewohnheit entsprechend und intuitiv handhabbarer, als das Finden von Informationen auf dem ECDIS-Bildschirm.

Die Vorteile von ECDIS liegen aber für jeden auf der Hand und niemand würde sie mehr verneinen. Es geht lediglich um das Vermissen der Papierkarte.

ECDIS - Wir rekapitulieren malVorteile von ECDIS – nur einige genannt

  • Skalierbare Seekarten mit verschiedenen Overlays: Verkehrssituation, Radaroverlay, eigene Vermerke z.B. zu Reporting Points, Funkkanälen, Limits und Notizen
  • Gesamtüberblick verbessert durch Windsensor, Speedlog, Echolot, Strömungsberechnung
  • Hafenmanöver und Docking Mode mit Conning Display verschaffen einem eine nie dagewesene Möglichkeit, z.B. engste Wendemanöver relativ entspannt durch eine sehr gute Übersicht aller beeinflussenden Faktoren durchzuführen. Schiffsform, -bewegungen, Maße, Begrenzungen, Schlepper, Drehgeschwindigkeit, Wind, Ruder-, Telegraph- Bugstrahlerlage etc. auf einem Display möglich.
  • Routenüberwachung kann angepasst werden.
  • Routenplanung kann geprüft werden und erfolgt wesentlich einfacher und intuitiver.
  • Terrestrische Navigation kann durch Radaroverlay auf einen Blick erfolgen.
  • Ergonomie und Schnelligkeit: Gerenne auf der Brücke zwischen Radar/Ausguck/Peilung und Kartentisch sind weggefallen.
  • Positionen in der Seekarte werden automatisch elektronisch dokumentiert, müssen nicht mehr als „Besteck“ in der Seekarte gemacht werden. Eine Zeitersparnis.
  • Kartenupdates sind schnell, leicht und zuverlässig gemacht und überprüfbar. Noch eine Zeitersparnis.

Voraussetzungen für ein zugelassenes ECDIS sind u.a.

  • Völlige Redundanz mindestens zweier zugelassener Systeme mit jeweils eigenen zugelassenen Sensoren. Auch wenn es durchaus üblich ist, ein System als Master und das andere als Slave laufen zu lassen, müssen beide Systeme jeweils allein in vollem Umfang als Master laufen können.
  • Die Seekarten müssen nach dem S-57 oder S-52 Standard als Vektorkarten vorliegen oder, für den Fall, dass für das Gebiet keine erhältlich sind, eingescannte BA-Charts (ARCS-Admiralty Raster Charts). Diese müssen in letzter Edition und aktuell sein.
  • Jedes Einzel-ECDIS muss bei der Positionsgewinnung mindestens eine weitere Möglichkeit aufweisen, z.B. ein weiteres zweites GPS
  • Minimale Darstellungsform von Seekarteninformationen nach IMO-Norm (Wassertiefe, Küste, Seezeichen, Gefahren, …)
  • Diverse weitere Sensoren wie Wind, Kurs über Grund, Logge, Kurs durchs Wasser
  • Möglichkeiten der Peilungen, terrestrischer Standortbestimmung, Parallel Indexing
  • Integration von AIS und Radar, Möglichkeit der Zielplottung
  • Alarmgebung bei Kurswechsel, bestimmten Wassertiefen, Annäherungen oder Abweichungen

ECDIS - Wir rekapitulieren malGefahren

  • Optische Farbgebung verschiedener Wassertiefenzonen muss stets sinnvoll erfolgen (Deep Water, Safety Contour, Shallow Contour, …)
  • Einzelgefahrenstellen können bei bestimmten Filtern oder in falscher Skalierung unsichtbar werden
  • Hacker-Angriffe, digitales Hijacking, Manipulation
  • Total-Blackout und erschöpfte Notbatterien

Verbesserungswürdig bei den meisten Herstellern

  • Durch Überlagerung entstehen häufig nicht lesbare bzw. verdeckte Informationen, die teilweise auch bei starkem Zoom verdeckt bleiben
  • Mehr Hersteller-übergreifende Standardisierung in Aussehen und Menüführung für kürzere Umgewöhnungsphasen bei Bedienern
  • Informations-Overflow
  • Häufig doppelte Menüs, Menü-Tiefe oder schlechte Anordnungen
  • Trackball anfällig für Schmutz und muss zu oft gereinigt werden, damit Bedienung möglich ist
  • Touch-Screen sollte als Mindest-Standard eingeführt werden
  • Mindest-Bildschirmauflösung sollte 1920×1080 sein, um viel Information intuitiv verfügbar zu haben ohne häufig hin- und her zoomen zu müssen

 

 

Gesetzliche Referenzen:

  • SOLAS Kapitel V Regel 19
  • Performance Standards der IMO in Resolution A.817(19) und Resolution MSC.232(82)
  • Standard IEC 61174
  • Zukünftig IHO-Standard S-101

 

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