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Frage zum Arbeitszeugnis


(@ottoh)
Beigetreten: Vor 4 Jahren
Beiträge: 6
Themenstarter  

 

Hallo!

 

Ich habe eine "juristische Frage", die das Thema Arbeitszeugnis betrifft:

 

In der Seefahrschule habe ich im Fach Arbeitsrecht gelernt, dass Arbeitszeugnisse (engl. Confidential Reports) ein paar Eigenschaften ausweisen müssen:

 

1. Jeder hat ein Anrecht, sich eines ausstellen zu lassen am Ende der Dienstzeit oder bei Wechsel des Vorgesetzten

2. Sie müssen "wohlwollend" formuliert sein

3. Sie dürfen nur mit Einsicht und Unterschrift/Zustimmung des zu beurteilenden weitergeleitet werden

4. Kein unberechtigt Dritter darf vom Inhalt Kenntnis erlangen (deshalb "confidential")

 

Nun habe ich bereits bei mehreren Reedereien gearbeitet und bis auf ein einziges mal immer unter dt. Flagge. Nach meiner Erfahrung wurden die Regeln, die ich in der Schule zum Thema Arbeitsrecht selten bis nie eingehalten, oft sogar wurden gleich alle Regeln gleichzeitig gebrochen. Da ich nun inzwischen selbst derjenige bin, der andere beurteilt, stelle ich mir die Frage, ob es in der Seefahrt spezielle Regelungen gibt, die meiner Meinung nach evtl. sogar legitim wären, wenn der zu beurteilende nicht vom Inhalt seiner Beurteilung erführe. Beispielsweise, wenn die Sicherheit des Beurteilers nicht mehr gewährleistet werden könnte: Immerhin hat der eine schließlich subjektiv die Wahrnehmung über einen sehr langen Zeitraum alles gegeben zu haben und zudem lebt man auch in einer Gemeinschaft an Bord Tür an Tür... Alles irgendwie fraglich.

 

Jedenfalls habe ich zum Thema Arbeitszeugnis nur in der Gewerbeordnung etwas gefunden. Weder im SeeArbeitsRecht, noch im MLC. 

 

Wo finde ich etwas dazu?

 

Kann ein Besatzungsmitglied beispielsweise auf Schadensersatz klagen, wenn ich es ohne sein Wissen schlecht beurteile und er sich somit beruflich geschädigt sieht?

 

Danke im Voraus

 


Zitat
(@streetworker)
Moderator
Beigetreten: Vor 16 Jahren
Beiträge: 1830
 

Hmmmm,

für mich stellt sich da erst mal die Frage welches Arbeitsrecht (wo sitzt der Arbeitgeber?).

Dann Zeugnis, also den Wisch den der Arbeitnehmer in die Hand gedrückt bekommt, interne Beurteilung (müßte beimLandberuf in die Perso-Akte) oder die Anfrage eines potentiellen Arbeitgebers an den jetzigen.

Letzteres dürfte nicht über das hinaus gehen was in ein Zeugnis darf. Und da gibt es doch genug wohlwollend klingende Klauseln aus denen ein Arbeitgeber sofort herauslesen kann was Sache ist.

Aber wo Du was dazu findest.......... Früher hätte ich gesagt der VDR müsste Auskunft geben (über den Sachverhalt und die Rechstgrundlage), die Gewerkschaft sicherlich auch.

 

Gruß, Rainer


AntwortZitat
(@streetworker)
Moderator
Beigetreten: Vor 16 Jahren
Beiträge: 1830
 

demnach müssste sich Fragen nach dem Arbeitszeugnis nach der Gewerbeordnung richten:

http://www.gesetze-im-internet.de/seearbg/__33.html

§ 33 (4) - und ja, der Arbeitnehmer kann klagen, wobei sich dann auch ein Schaden nachweisen lassen müsste (aber ich bin kein Anwalt.....)

bis denne, Rainer

 


AntwortZitat
(@ottoh)
Beigetreten: Vor 4 Jahren
Beiträge: 6
Themenstarter  

Danke für die Mühe. Habe auch selbst nochmal recherchiert und nichts weiteres dazu gefunden. Das ist ja ein wahnsinnig weitläufiges Thema. Verklausulierungen sind übrigens auch größtenteils verboten inzwischen. Fällt das Zeugnis des Betroffenen und Unwissenden schlecht aus, dann kann er tatsächlich im Sinne von Übler Nachrede gerichtlich ohne Schwierigkeiten vorgehen - lässt sich das Negative nicht beweisen, ist es tatsächlich ein Straftatbestand und im krassen Fall setzt sich der Vorgesetzte damit sehr in die Nesseln!

Ich denke also, wenn es berechtigterweise wirklich etwas außergewöhnlich Schlimmes über einen Untergebenen zu berichten gibt, dann sollte man das in Form von Abmahnungen machen (Inflagranti bei ernsten Vergehen/Versäumnissen) oder notfalls auch mit Zeugen und Belegen, evtl. auch telefonisch (?).

Danke


AntwortZitat
(@streetworker)
Moderator
Beigetreten: Vor 16 Jahren
Beiträge: 1830
 

Hoi,

finden wirst Du da auch nicht mehr viel, denn im Seearbeitsgesetz steht ja drin, dass der entsprechende § der Gewerbeordnung davon unberührt bleibt, also auch für Seeleute gilt (sofern deutsches Rccht greift).

Das mit "Zeugnis" und "Unwissenden" hab ich noch nicht ganz vertstanden. Meiner Meinung ist ein Zeugnis immer für den Arbeitgeber bestimmt. Der darf es Dritten vorlegen.

Abmahnungen sollten immer schriftlich erfolgen. Der Abgemahnte hat ein Recht zur Stellungnahme und kann auch (notfalls gerichtlich) fordern, dass die Abmahnung, sofern unberechtigt, aus der Personalakte wieder entfernt wird. Beweissicherung gehört daher zu jeder Abmahnung dazu.

Mir sind Arbeitgeber/Vorgesetzte bekannt, die sich regelmäßig und unbelehrbar bei diesem Thema in die Nesseln sezten. Meist läuft das ja dann auf die Beendigung des Arbeitsverhältnisses hinaus per Vergleich und in Verbindung mit entsprechender Entschädigung durch den Arbeitgeber (die ja an Land in der Regel abhängig von der Zugehörigkeitdauer im Betrieb ist).

Hab unter anderem das noch gefunden:

https://www.focus.de/finanzen/karriere/tid-28564/urteil-des-bundesarbeitsgerichts-das-darf-ihr-chef-ins-arbeitszeugnis-schreiben_aid_879438.html

und

https://www.arbeitszeugnisgenerator.de/

da wird wohl einiges auch für das Seefahrende Volk übertragbar sein.

 

Gruß, Rainer

 


AntwortZitat
(@andrej)
Admin
Beigetreten: Vor 17 Jahren
Beiträge: 1240
 

Moin,

§33 MTV ist da auch nicht gerade detailliert. Dem Arbeitnehmer darf grundsätzlich nicht die Ausstellung eines Zeugnisses am Ende der Einsatzzeit verwehrt werden, aber dass er es auch unterschreiben muss, das steht nirgends. Ganz so 'unfrei' und angreifbar ist man also nicht als Vorgesetzter, wenn eine Beurteilung nicht gerade in unbewiesene schlimme Formulierungen ausarten lässt. Wundert mich aber selbst, dass die Regelungen da etwas verwaschen sind insgesamt, verglichen mit der großen Menge an Gerichtsurteilen die google einem da ausspuckt.

Gruß


AntwortZitat
(@bythewind)
Moderator
Beigetreten: Vor 17 Jahren
Beiträge: 537
 

Moin OttoH,

meinst du tatsächlich ein Arbetitszeugnis in der Art:

1. "Herr Meier war seit 2008 in der Reederei PiPaPo GmbH & Co KG  beschaeftigt. Er wurde in dieser Zeit als Schiffsmechaniker auf Containerschiffern bis 10.000 teu in der weltweiten Fahrt eingesetzt. .... Herr Meier verlässt uns auf eigenen Wunsch. Wir bedauern sein Ausscheiden und wünschen ihm alles Gute für seine weitere berufliche Laufbahn..."

Solch ein Zeugnis muss tatsächlich positiv formuliert werden. Es ist in der Seefahrt aber vollkommen unüblich und wird eigentlich nirgends verlangt. I.d.R. wird es nur dann gebraucht, wenn jemand ganz aus der Seefahrt aussteigen und sich auf einen Landjob bewerben will.

2. Dienstbescheinigung gem. Seearbeitsgesetz

ersetzt den Eintrag ins nicht mehr existierende dt. Seefahrtbuch und enthält nur Fakten. Name, welches Schiff, eingestiegen am, ausgestiegen am, Dienstrang.

Nur solch eine Dienstbescheinigung kann ein zukünftiges Crewing-Department einfordern.

3. Interne Beurteilung.

Diese soll in regelmässigen Abständen das Crewmitglied so beschreiben, wie es ist. Hier geht es um die Sicherheit aller. Wenn jemand seinen Job nicht richtig ausführt, müssen Gegenmassnahmen (Nachschulung, Herabstufung, nicht mehr Einsetzen) getroffen werden. Hier wird auch nichts beschönigt ('hat sich sehr bemüht...'), sondern in Klartext oder Zeugnisnoten ausgedrückt, was Sache ist. Wenn du als Kapitän nicht klar und deutlich sagst, dass jemand nicht funktioniert, bekommst du den immer wieder.

 

VG, Baerbel

(die jetzt zum Jahresende auch gerade Beurteilungen schreibt...)

 


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